Gwydion Scherer

Nachtschwärmer unter Nachtschwärmern – Nachtfalteruntersuchung im Botanischen Garten der Universität Osnabrück

 

Spanner (Geometridae), Spinner (Bombyces, div. Familien), Eulenfalter (Noctuidae) und Schwärmer (Sphingidae) sind die taxonomischen Gruppen der Nachtfalter. Diese haben wir über den zurückliegenden Sommer im Botanischen Garten untersucht.

Da wir wissen, dass unser Campus voller Leben steckt und wir unter den gegebenen Bedingungen keine großen Exkursionen durchführen können, haben wir uns zu Beginn des zurückliegenden Sommersemesters dazu entschlossen, Biodiversität vor der eigenen Haustür zu suchen. Die Wahl fiel schnell auf den Botanischen Garten der Universität – um anderen Menschen aus dem Weg zu gehen am Besten bei Nacht. Und was kann es für Nachtschwärmer bessere Untersuchungsobjekte geben als die vielfältige Nachtfalterfauna? Nachtfalter sind besonders interessant, da sie sehr artenreich sind (ca. 600 Arten in Deutschland), in vielen Lebensräumen vorkommen und durch ihre Abundanz eine wichtige Nahrungsgrundlage vieler anderer Tierarten, wie z.B. von Fledermäusen, darstellen. Das praktische an dieser Artengruppe: Die meisten Nachtfalter lassen sich mithilfe von UV-Licht leicht anlocken (besonders im kurzwelligen Bereich von 350-450 nm). Ein weiterer Vorteil ist, dass es mittlerweile leichte LED-Lampen gibt, welche über eine gesamte Nacht mit einer simplen Powerbank betrieben werden können. Für die Erfassung haben wir die Lampe einfach in einen Gazeschirm oder vor einem weißen Laken an einen Baum gehängt. Die angelockten Tiere fliegen die Lampe an und setzen sich ruhig an den angestrahlten Stoff, sodass sie ohne weiteres beobachtet und bestimmt werden können.

Die "Nachtfalter Lockvorrichtung": Eine aufgehängte UV-LED mit einem Gazenetz.

© Universität Osnabrück | Sebastian Holt

Nachdem wir von der Direktorin Prof. Zachgo und der technischen Leiterin Frau Bouillon freundlicherweise die Erlaubnis zum nächtlichen betreten des Gartens erhalten hatten, war es am 7.5. dann endlich soweit. Die Lampe war schnell aufgebaut und das Bestimmungsbuch (Steiner et al. 2014) lag bereit. Als sich nach zwei Stunden nur Bergmolch (Ichthyosaura alpestris) und Erdkröte (Bufo bufo) blicken ließen, verließen wir das Mediterraneum und bauten unsere Lampe im Alpinum auf. Möglicherweise wurde der Lichtkegel der Lampe durch die Kessellage des Mediterraneums zu stark begrenzt. Glücklicherweise kamen im Alpinum nach kurzer Zeit die ersten Nachtfalter an die Lampe. Spannende Arten wie das Ausrufungszeichen (Agrotis exclamationis) oder der Kieferblütenspanner (Eupithecia indigata), welcher wahrscheinlich die Nadelgehölze im Alpinum als Wirtspflanzen nutzte. Für die folgenden Erfassungen wechselten wir nun abwechselnd zwischen Alpinum (größter Lichtkegel) und Schwäbischer Alb (viele einheimische Pflanzenarten). Die Bestimmung der Arten konnte in der Regel bereits im Gelände durchgeführt werden. Da wir neue Methoden austesten wollten erweiterten wir neben der Fachliteratur die Artbestimmung. Erstens um die Internetseite Lepiforum.de, eine der bekanntesten Quellen zum Abgleichen von Schmetterlingsfunden, welche besonders bei Tieren mit verschiedene Farbmorphen half. Zweitens überraschte die App iNaturalist (www.inaturalist.org), entwickelt von der California Academy of Science und National Geographic, mit einer hohen Trefferquote und dadurch einiger Zeitersparnis. WICHTIG: Bestimmungs-Apps sollten nur ergänzend eingesetzt werden und ersetzen keine Bestimmungsliteratur!

Zur Bestimmung wurde alte wie neue Literatur mit Webforen und der App "iNaturalist" kombiniert.

© Universität Osnabrück | Felix Przesdzink

Insgesamt konnten wir durch unsere Erfassung ca. 45 Arten nachweisen. Microlepidoptere, wie der häufig aufgetretene Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis), wurden nicht gewertet. Zu den an der Lampe gezählten Nachfaltern kamen wenige weitere Arten, welche überwiegend tagaktiv sind oder im Raupenstadium sporadisch miterfasst wurden, wie z.B. der Jakobskreuzkrautbär (Tyria jacobea). Einige Arten, wie die Saateule (Agrotis segetum) und die Hausmutter (Noctua pronuba) konnten wir fast über den gesamten Sommer nachweisen. Auf der Vorwarnliste der Roten Liste befindet sich unter den erfassten Arten die Weißbinden-Nelkeneule (Hadena compta).

Schon bei der Planung wurde uns bewusst, dass durch die Kessellage des botanischen Gartens der Lichtfang an Effektivität verliert, da die Topologie des Gartens die Reichweite des Lichtes beschränkt. Zudem zeichnet sich der Botanischen Garten zwar durch einen enormen Pflanzenreichtum aus (ca. 8000 Pflanzenarten), aber natürlich überwiegend durch exotische Arten und nicht durch die heimischen Wirtspflanzen der meisten Nachtfalter. Als über das ganze Jahr verfügbare Nektarquelle nimmt der Botanische Garten für Nachtfalter trotzdem eine sehr wichtige Rolle ein.

Auch über die Nachtfalter hinaus war es eine sehr spannende Erfahrung den Botanischen Garten bei Nacht zu erleben. Dennoch würde es uns nun sehr interessieren, wie die Nachtfaltervielfalt im naturbelassenen zweiten Steinbruch im Vergleich zum angelegten Botanischen Garten ausfällt!